Das Innere Kind umarmen

Der folgende Text basiert auf einem Teaching von Zen-Meister Thay Thien Son

Nur wenn Du bereit bist, Dein Inneres Kind anzuschauen und Kontakt zu ihm aufzunehmen, bist Du in der Lage, Liebe zu erfahren und Liebe zu geben.

Dein Ego flüstert Dir zu, wie stark Du bist... Dein Inneres Kind sagt Dir aber, wie verletzlich Du bist - wenn Du den Mut hast, auf Dein Herz zu hören!

Als Erwachsene agieren wir sehr oft auf der Ego-Ebene. Auf dieser Ebene sind Rollen ganz wichtig. Wir schlüpfen immer wieder in bestimmte Rollen, und diese haben mit Verantwortung und Verpflichtung zu tun, mit Fähigkeiten und Leistung.

Z.B. erwartet man von einem Lehrer eine bestimmte Leistung (Vermittlung von Wissen), eine bestimmte Form (des Unterrichts) im Rahmen eines definierten Wertesystems.

Ab dem 6.Lebensjahr erfährt das Kind die Notwendigkeit, sein Ego zu stärken, damit es in der Gruppe, in der Schule, in der Gesellschaft funktionieren und bestehen kann - um seine Existenz zu sichern.

Kurz über lang definieren wir das Ganze als "meine Existenz".

Was hat dies alles mit dem Inneren Kind zu tun?

Gar nichts – es bezieht sich nur auf unser Ego, auf das Außen.

Aber da ist ist noch eine Ebene, die oft und schnell in den Hintergrund gerät - nämlich die Gefühls-Ebene oder ICH-Ebene oder das Innere Kind.

Diese Ebene ist bereits seit der Geburt da, sogar vorher schon im embryonalen Dasein. Das Neugeborene – unser ICH - bringt ein ganzes Paket an Gefühlen bereits mit auf die Welt.

Während die Kinder heranwachsen, befragen sie die Erwachsenen danach:

"Kannst du mir das erklären?"

Meistens bekommen sie zur Antwort: "Wenn du groß bist, erkläre ich dir das." oder "Wenn du groß bist, weißt du Bescheid", weil sie die Antwort selbst nicht so richtig wissen.

So sind für das Kind viele Faktoren auf der Gefühlsebene unklar, und deshalb können wir später im Leben als Erwachsene diese Ebene auch nicht verstehen - und so agieren wir immer mehr auf der EGO-Ebene.

Wenn z.B. jemand zu mir sagt "Du dumme Kuh!" und das ICH spürt "da kommt ein Gefühl auf, ich fühle mich gekränkt oder verletzt – aber ich kann damit umgehen, ich bringe meine Verletzung zum Ausdruck", so bleibe ich auf der Ich-Ebene.

Wenn ich aber einen großen Streit anfange, in die Trennung zu dieser Person gehe, weil ich mich vielleicht in meinem Wertesystem angegriffen fühle, befinde ich mich auf der Ego-Ebene und entferne mich von meinem ursprünglichen Gefühl.

Wenn ein Kind das Gefühl hat, verletzt worden zu sein, dann schreit, weint und tobt es. Als Erwachsener verbieten wir uns die Tränen, und übergehen die Verletzung.

Dein Ego flüstert Dir zu, wie stark Du bist...

Habe ich z.B. habe das Gefühl: "Ich wurde nicht beachtet. Ich bin jetzt gekränkt. Ich wurde verletzt. Es tut mir weh." und überspringe das Gefühl des Schmerzes "Ich will dieses schmerzhafte Gefühl nicht haben", dann gehe ich damit in die Verdrängung.

Von dort verlagert sich das verdrängte Gefühl auf die körperliche Ebene. Wenn Du alle möglichen körperlichen Beschwerden und Krankheiten hast, ist es ein Zeichen, dass Du viele Deiner Gefühle nicht verarbeitet hast.

Heilsam aber ist es zu sagen: "Ich nehme mir Zeit, um die Verletzung anzuschauen, und erlaube mir meine Tränen." Oder: "Ich lasse es zu, Schmerzen oder Wut zu haben." - ich laufe nicht davor weg, sondern schaue genau hin, tauche tief in mein System ein und halte die Verletzung aus. Hast Du das ausgelebt, dann hast Du ein ganz anderes Fundament, um wieder aufzutauchen. Dann weißt du, wie groß Deine Wunde ist, auch wenn Du vielleicht erst mal tobst, wenn Du sie betrachtest.

Aber irgendwann kommt der Moment, wo Du Dein Gefühl spürst, weil du es wirklich im Körper wahrnimmst.

Dann bist Du bereit, Dein Inneres Kind anzuschauen und Kontakt zu ihm aufzunehmen!

Nimm Dein Gefühl ernst. Bleib dabei. Wenn Dein Kind weinerlich ist, ist es weinerlich.

Wenn Dein Kind verletzlich ist, ist es verletzlich. Das gilt es wahr zu nehmen.

Es kann sein, dass Angst auftaucht. Sobald Du Angst hast, Dich und Deinen Schmerz auszudrücken, nimm Deine Angst ernst, denn DURCH die Angst kommst Du in Dein Gefühl und spürst es so richtig.

Um aus der Verletzung heraus zu kommen, musst Du sie zuerst einmal auf der Erwachsenen-Ebene aushalten. Auf der Inneren Kind-Ebene bedeutet es: bleib einfach bei Dir, bei Deinem Kind. "Bleib bei mir", sagt das Kind.

Es sagt Dir, wie verletzlich Du bist - wenn Du den Mut hast, auf Dein Herz zu hören!

Wir sind so sehr auf der Ebene des EGO-Wertesystems, des Funktionierens, des im Außen Agierens, trainiert, dass wir kaum in der Lage sind, wahr zu haben, das die ICH-Ebene möglich ist.

Wenn Du Dich z.B. in einem beruflichen Meeting befindest und eine innere Verletzung spürst, kannst Du auch dann zu Deinem Inneren Kind stehen, und ruhig Dein Kind zur Sprache kommen lassen, indem Du z.B. sagst: "Ich finde es sehr traurig, daß wir SO miteinander umgehen" und so Deinem Kind einen gewissen Ausdruck gibst.

Wenn Du selbst in einem offiziellen Meeting Dein Kind zur Sprache kommen lässt, wirst Du sehen: das Meeting verändert sich sofort.

Je mehr Du auf dieser ICH-Ebene kommunizierst, um so mehr erreichst Du die Menschen.

Es hat auch mit DEINER EIGENEN Wertschätzung zu tun. Je mehr Du Dich in Deiner eigenen Wertschätzung übst, umso mehr kannst Du zu Dir stehen.

Wenn bei Dir immer wieder Gefühle, die aus Verletzungen resultieren, hochkommen, musst Du schauen: mit welcher Anziehungskraft ziehe ich so etwas immer wieder an? Welche Tore öffne ich? Kein Anderer kann uns eigentlich wirklich verletzen.

Wir erlauben es, dass Menschen uns verletzen. Wenn Du Dein Gefühl nicht ernst nimmst, dann öffnest Du die Tore für Verletzungen. Lass Deine Gefühle zu, nimm sie ernst! Nur so kannst Du sie transformieren.

Um als Erwachsener die unbefriedigten Bedürfnisse seines Inneren Kindes nachholen, gib ihm z.B. Gelegenheit zu Spielen. Was bedeutet Spielen? Für das Kind ist Spielen = Freiheit. Wichtig ist, dass das Kind spielerisch SEINE Freiheit erproben kann. Jetzt, wo wir unser Inneres Kind begleiten, sollten wir nicht einfach zu ihm sagen: "Jetzt gehen wir auf den Spielplatz und Du setzt Dich auf die Schaukel", weil ich Schaukeln gut finde. Sondern Du gehst auf den Spielplatz und gibst dem Kind den Spielraum, sich spontan für das zu entscheiden, was es mag, Du  gestehst ihm die FREIHEIT zu, zu handeln, wie es möchte.

Nur wenn Du bereit bin, Deine Gefühle zuzulassen,

bist Du in der Lage, Liebe zu erfahren und Liebe zu geben.