ZEN Weg mit Ehrw. Thich Thien Son
Warum es wichtig ist, uns zunächst mit dem Körper zu beschäftigen In der ersten Zen-Stufe betrachten wir die körperliche Ebene Wir lernen die Signale unseres Körpers wahrzunehmen, unseren Körper in allen seinen Facetten anzunehmen und liebevoll mit ihm umzugehen. Dies ist eine Übung der Achtsamkeit auf der körperlichen Ebene und darüber hinaus ein Ausdruck der Dankbarkeit und der Einsicht, dass dieser Körper nicht uns allein gehört. Er kann nur entstehen, wenn vielfältige Bedingungen erfüllt sind. Betrachten wir die genetischen Bedingungen, so haben unsere Vorfahren schon vor Generationen den Grundstein dafür gelegt, dass wir heute existieren können. Auf der geistigen Ebene sind es Werte, Ethik und Erfahrungen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Unsere heutige Zivilisation gäbe es mit Sicherheit nicht ohne unsere Vorfahren. Auf der Ebene der Natur sind Faktoren wie Sonne, Klima, Erde, Pflanzen und Tiere die Bedingungen unseres Daseins. Je mehr wir unseren Körper betrachten, umso mehr verstehen wir, dass wir in einem in sich abhängigen Geflecht leben und nicht individuell isoliert existieren können. Wir brauchen uns gegenseitig, um zu überleben. Kontakt mit dem Körper aufnehmen: Blockaden erkennen und lösen Am Anfang des Zen-Wegs beschäftigen wir uns damit, die Verspannungen zu lösen. Das ist zwar nicht das eigentliche Ziel des Zen, jedoch geben uns Entspannung und Gelassenheit die Möglichkeit, tiefer in den Körper einzudringen, um zu erkennen, wo sich Blockaden aufgebaut haben. Wenn wir auf der körperlichen Ebene verweilen und Kontakt mit unserem Körper aufnehmen, können wir beobachten, wie bestimmte Körperteile sich immer wieder zusammenziehen. Je mehr wir uns das anschauen, umso mehr verstehen wir die Situationen, in denen wir diese Reaktionen auslösen. Schließlich lernen wir, Reaktion und Situation sofort wahrzunehmen und zu verändern. Die Beziehung von Körper und Geist: unterdrückte Gefühle befreien Die Bedeutung des Körpers wird gerne unterschätzt, wenn es um geistige Entwicklung geht. Aber die Wichtigkeit wird schnell klar, wenn wir uns anschauen, wie sehr wir von unserem Körper abhängig sind, um uns wohl zu fühlen. Sobald man in den Körper hinein meditiert, spürt man Verspannungen. Diese Blockaden entstehen, weil durch die Unterdrückung der Gefühle Energien an jene Körperteile angelagert werden, die mit diesen Gefühlen in Resonanz gehen. In der Folge kommt es zur Überlagerung unterschiedlicher Energien, die mit hoher Frequenz schwingen. Körperliche Folgen der Unterdrückung von Gefühlen Ignoriert man die Signale des Körpers, indem man z. B. mit Medikamenten die Warnzeichen unterdrückt, werden die Signale verstärkt. Dies ist ein Naturgesetz: Im Körper fließen Ströme und Energien, sobald diese blockiert sind, sammeln sie sich wie das Wasser in einem Stausee an. Ist nun der Wille nicht stark genug, diese Energien zu unterdrücken, bricht der Damm. Ist unsere einzige Antwort auf die Krankheitssymptome die Chemie, erhalten wir irgendwann die Quittung dafür, dass wir unseren Körper und unsere Gefühle abgelehnt haben und mit aller Gewalt dauerhaft unterdrücken. So können beispielsweise Tumore entstehen. Durch die Gewalt, mit der wir uns selbst behandeln, entsteht in der Folge Gewalt, die nun unser Körper uns antut. In der Regel merken wir das erst, wenn eine schwere Krankheit auftritt. Durch deren Einschränkungen lernen wir dann endlich, unseren Körper zu schätzen und zu lieben – doch leider meist zu spät. Ein gesunder Körper als Fahrzeug für die geistige Entwicklung Die Zen-Tradition lehrt uns, den Körper im Alltag wahrzunehmen, um ihn mit vollem Respekt anzunehmen und gut mit ihm umzugehen, denn ein gesunder Körper liefert uns die beste Möglichkeit für unsere Praxis. Wenn wir mit Hilfe der Meditation uns in unserem Körper wohl fühlen können und gesund sind, dann ermöglichen wir damit auch die Entwicklung eines gesunden Geistes. Solange wir aber nicht gesund sind, beschäftigen wir uns zu sehr mit unserer Krankheit und dem Gesundungsprozess und vergessen dabei die geistige Ebene. AnmerkungenDie erste Stufe der Betrachtung (Zen 1-3): Klarheit über unseren Körper
In der modernen westlichen Gesellschaft sind wir darauf trainiert, unser rationales Denken im Alltag einzusetzen und Sachverhalte zu analysieren, um ein Verständnis und ein Bild von uns und der Welt zu bekommen. Es geht um Fakten, um Kategorisieren und intellektuelles Verstehen. So wird unsere analytische Denkweise schon von der ersten Klasse an trainiert. Es gilt dagegen als nicht zivilisiert, wenn man in der Öffentlichkeit seine Gefühle (1) zum Ausdruck bringt. Körperliche Empfindungen, die durch Emotionen (1) ausgelöst werden, sollen unterdrückt oder ausgeblendet werden. Deshalb gibt auch die Erziehung wenig Raum, um Gefühle auf körperlicher Ebene zuzulassen.
Da wir Verstand und Gefühl immer trennen mussten, stellt unser Körper auf seine Art und Weise die Verbindung wieder her. So entstehen die im Westen weit verbreiteten psychosomatischen Beschwerden, deren wirkliche Ursachen nicht gefunden werden können, wie z.B. Migräne, Verspannungen (insbesondere im Lendenbereich), Asthma und Nervosität bis hin zu Depressionen. Aus der Sichtweise des ZEN verstehen wir, dass Körper und Geist eins sind und unterdrückte Gefühle unseren Körper rebellieren lassen. Er versucht, sich bemerkbar zu machen und uns zu zeigen, dass er existiert.
Aggressionen (2), Wutanfälle und Black-outs bilden die Vorstufe eines solchen „Dammbruchs.“ Werden die Anzeichen überhört, so gräbt sich das Gefühl und die damit verbundene Energie tief in die Organe unseres Körpers ein. Gleichgültig um welche Organmatrix es sich handelt, eine übermäßige Ansammlung von Energien führt zu starken Schwingungen, die unsere Zellen schneller verfallen lassen. In der Folge wird das Immunsystem geschwächt, die Organe können ihren Funktionen nicht mehr ausreichend nachgehen und Krankheiten entstehen.
Die ersten Hindernisse für die Praxis sind aus dem Weg geräumt, wenn wir wirklich lernen, unseren Körper zu lieben, zu akzeptieren und zu pflegen. Er ist das Fahrzeug auf unserem Weg. Wir müssen behutsam mit ihm umgehen, da wir ihn für eine lange Zeit brauchen. Daher besteht die erste Stufe auf den Zen-Weg darin, Bedingungen zu schaffen, damit wir die geistige Arbeit beginnen können.
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(1) Aus buddhistischer Sicht müssen wir an dieser Stelle die Begriffe Gefühl und Emotion unterscheiden: Unser Körper reagiert auf alles, was wir wahrnehmen und erleben, er reagiert entweder mit Anspannung (Anziehung) oder mit Entspannung (Abstoßung) oder aber neutral. Diese unmittelbare körperliche Reaktion nennen wir Gefühl.
Emotion ist dagegen die Idee, die wir mit diesem Körpergefühl verbinden, z.B. „ich bin traurig“, ich bin „fröhlich“. D.h. Emotion ist das geistige Konzept, das sich im Zusammenhang mit dem Körpergefühl bildet.
Wie Gefühle entstehen Die Gefühle gehören nach buddhistischer Philosophie zu der zweiten Daseinsgruppe der fünf Skandha. In Pali werden sie Vedana genannt. Gefühle entstehen durch eine Interaktion (Reaktion) zwischen Körper und Geist. Im Prinzip entstehen „Gefühle“ aufgrund von Vorstellungen: einmal durch das, was wir aufgrund unserer Anhaftungen als lebensförderlich oder dem Leben abträglich einstufen und zum anderen durch die Anhaftung an das Selbst. Wenn wir dann mit der Realität konfrontiert werden, entsteht als Reaktion ein Gefühl. Stimmen unsere Vorstellungen mit der Realität überein, verspüren wir ein Gefühl der Zufriedenheit, der Befriedigung und des Glücks. Gehen Vorstellung und Realität aber auseinander, entsteht eine Diskrepanz, welche auf körperlicher Ebene eine Anspannung erzeugt. Da Freude und Zufriedenheit von unserem Organismus nicht als Gefahr eingestuft werden, wird der Impuls der Freude schnell „verpuffen“, da er keinen Widerstand hervorruft. Wenn aber aufgrund einer subjektiv erlebten Diskrepanz eine Anspannung im Körper spürbar wird, signalisiert uns dies „Gefahr“. Der Körper mobilisiert Schutzmechanismen. Es kommt nun darauf an, wie stark die Impulse von außen sind und auf welche Weise wir darauf reagieren. Je mehr wir uns mit unseren Vorstellungen und Wünschen identifizieren und je extremer diese von der Realität abweichen, umso ausgeprägter wird unser Organismus eine vermeintliche Bedrohung wahrnehmen. Die Körperreaktion wird entsprechend intensiv ausfallen – gleiches gilt für die daraufhin folgenden Gefühle. Ein Beispiel: wir lieben jemanden und haben bestimmte Vorstellungen über die Liebe und die Ausgestaltung einer Beziehung mit diesem Menschen. Wie es in der Realität nun mal ist, unterliegt alles der ständigen Veränderung – auch in Liebesbeziehungen. Aber wir halten uns an dieser einen Vorstellung von Liebe fest. Veränderungen innerhalb der Beziehung stufen wir schnell als Gefahr ein, weil wir Angst haben, die Kontrolle zu verlieren. Wir werden misstrauisch und kontrollierend unserem Partner gegenüber. Wenn irgendetwas darauf hinweist, dass die ersehnte Liebe nicht erfüllt werden kann, betrachtet unser Ego das als große Gefahr. Die Muskulatur des ganzen Körpers zieht sich zusammen, es kommt zu Verspannungen im Bereich des Brustkorbs, das Herz schlägt schneller. Der Magen verkrampft sich und wir haben keinen Appetit mehr. Die körperliche Reaktion und das von uns darüber gelegte Gefühl nennen wir dann Trauer. Auf der Stoffwechselebene sind wir jetzt bereit für einen Kampf um Leben und Tod – der Sympathikus (àTeil des vegetativen Nervensystems, der die Bereitschaft zu Kampf und Flucht ermöglicht) läuft auf Hochtouren. Vom Kopf her können wir uns einreden, die Beziehung sei erledigt, das Leben geht weiter – auch ohne idealen Partner. Aber wir brauchen uns nichts vorzumachen. Die Anhaftung an die Idee, was Glück und Beziehung für uns bedeuten und die damit verbundenen Hoffnungen und Sehnsüchte, haben sich auf der Verstandesebene noch nicht gelöst. Wir haben die Bedingungen, die zu dieser Situation geführt haben, noch nicht verstanden. Im Unterbewusstsein wittern wir daher immer noch Gefahr. Deshalb tragen wir tage- und wochenlang diese sogenannte Traurigkeit in uns. Durch unsere körperliche Reaktion wird sie noch verstärkt und unterhalten. Auf dem Zenweg geht es nun darum, in Verspannungen und anderen Körperreaktionen, die diesen zugrunde liegenden Projektionen (wieder) zu erkennen und aufzudecken. Wir müssen durchschauen, wie wir über eine Körperreaktion, „Gefühle“ und Emotionen drüber legen. Im Buddhismus unterscheiden wir drei unterschiedliche Körperreaktionen: angenehme, unangenehme und neutrale. Auf diese projizieren wir die ganze Vielfalt möglicher Gefühle und verstricken uns darin. In ZEN III gehen wir mit Hilfe entsprechender Techniken tief in unseren Körper hinein. Wir versuchen die Erinnerungen, die wir während unserer Kindheit bei subjektiv erlebter Gefahr in den Körperzellen abgespeichert haben, wieder in das Bewusstsein zu holen. Als Kind können wir gar nicht unterscheiden, was gefährlich ist und was eher unserem Lebenserhalt dient. Wir missdeuten Sanktionen und Kritik sehr oft als Lebensgefahr, Ablehnung oder Zurückweisung. Das bedeutet, man muss an die frühestmögliche Andockstelle gelangen, dorthin wo die Grundsteine für die heutigen Gewohnheitsstrukturen und –muster in Bezug auf unsere Gefühle und Körperreaktionen gelegt wurden. Zunächst geht es aber nur darum, die Gefühle/Körperreaktionen zu erkennen, die wir ständig in uns tragen. Rückführungen in die Kindheit Um dies zu erreichen, versuchen wir uns in frühe Kindheitssituationen zurückzuversetzen. Am besten gelingt dies über geführte Meditationen. So gehen wir von einem Lebensabschnitt zum anderen und forschen zurück bis in das früheste Kindesalter. Dabei ist es sehr wichtig, sich selbst in den gespeicherten Erinnerungen wahrzunehmen. Wie sah man aus, was war in diesem Lebensabschnitt für uns besonders wichtig? Was ist da mit mir und in mir passiert? Das Ziel dieser Reisen ist eigentlich, die Grundgefühle zu erforschen, die sich in uns während der Kindheit zeigten: Wut, Angst und Trauer. Oft verstehen wir diese Gefühle falsch aufgrund unserer verzerrten Wahrnehmung. In der Folge gehen wir auch falsch damit um, da wir gar nicht wissen, aus welchem Grundgefühl heraus wir denken und handeln. Auch im Alltag werden wir viele Situationen aufgrund dieser gefärbten Wahrnehmung falsch einschätzen, was unsere Gewohnheitsstrukturen unglücklicherweise wiederum bestärkt. Wenn man zum Beispiel in der Kindheit mit seinen Eltern unzufrieden ist, weil sie uns keine Aufmerksamkeit oder Liebe geben, dann tragen wir diese Unzufriedenheit fortan in uns und übertragen sie auf zukünftige Partner und andere Mitmenschen. Wir werden darüber hinaus Signale aus unserer Umgebung als beispielsweise Ablehnung missdeuten. Wir verstehen nicht, dass unsere Mitmenschen gar nicht wissen können, aus welchem Muster heraus wir agieren. Wir reagieren mit Aggression, weil wir die negativen Gefühle aus der Kindheit nicht mehr spüren möchten. In unseren Rückführungen gehen wir etappenweise zurück und schauen Szenarien unserer Erinnerung erneut an. Wir konzentrieren uns dabei nicht auf die Kopfebene, sondern auf die Gefühlsebene. Wir beobachten uns selbst, wie wir in diese Situation reingehen. Welche Gefühle werden dabei geweckt? In die Erinnerung hineingehen und das Gefühl betrachten – das ist an diesem Punkt für den Zenschüler die Aufgabe. Je mehr wir uns mit unserer Vergangenheit befassen und in unserer Kindheit zurückgehen, entdecken wir, dass Gefühle, die gegenwärtig in uns stecken, in allen Altersstufen präsent sind. Als Kind haben wir keinen Schutzmechanismus und keine Filtermöglichkeiten um recht und unrecht voneinander unterscheiden zu können. Kinder sind noch gar nicht in der Lage einzuordnen, ob Impulse der Eltern gegen die Person des Kindes gerichtet sind, oder aber lediglich den persönlichen Emotionen der Eltern zuzuordnen sind, die nichts mit dem Kind an sich zu tun haben. Gleichzeitig sind Kinder noch nicht mit den kommunikativen Fähigkeiten ausgestattet, nachzufragen oder um Aufklärung zu bitten. So werden Verhaltensweisen von den Eltern sehr oft durch die Kinder falsch dekodiert. Als Eltern möchten wir dem Kind das Beste geben. Entweder hat man aber nicht genug Wissen, wie man dem Kind auf seiner Ebene die Signale direkt oder verständlich vermitteln kann, oder die Eltern haben zu wenig Zeit, um dem Kind geben zu können, was es wirklich braucht. Das Kind ist auf die Hilfe der Eltern angewiesen, deshalb befindet es sich mehr in der passiven Rolle und Position. Die Eltern hingegen dirigieren und leben vor, welches Verhalten antrainiert werden soll. Das Kind ist wie ein Aufnahmegerät. Es sitzt dort und nimmt alles um sich herum wahr. Wenn wir dem Kind aber keine Werkzeuge für das heilsame Bewerten von Informationen vermitteln, bewertet das Kind die Impulse aus seiner eigenen Angst heraus potentiell als negative Gefühle. Durch diesen Mechanismus wiederum werden die Impulse, die von den Eltern kommen in eine falsche Richtung verstärkt. Wenn Eltern keine Zeit für ihr Kind haben sagen sie oft: „Sei ruhig! Hier ist ein Stift und ein Blatt, versuche zu malen.“ Das Kind fühlt sich dadurch abgewiesen und abgelehnt. Da die Eltern aber die Aufgabe gegeben haben zu malen, will das Kind das Beste geben. Es will das Bild gut machen und es den Eltern präsentieren. Wenn das Kind mit dem Bild ankommt und wir nicht genügend Aufmerksamkeit geben, fühlt es sich erneut abgelehnt. Oder, was wir oft machen, wir versuchen eine Meinung darüber abzugeben, wie das Bild unserer Ansicht nach noch schöner aussieht. Natürlich meinen wir es „gut“ und versuchen in der Erzieherrolle zu zeigen, was man noch besser machen könnte: „Die Sonne könnte aber noch ein wenig runder sein, dann würde es viel schöner aussehen!“ Für ein Kind in seiner persönlichen Welt, ist die Sonne aber so wie sie ist perfekt und schön. Jetzt wird es auch noch abgewertet für das, was es mit größter Anstrengung und Hingabe gemalt hat! Das Kind fühlt sich nicht gut genug. Daher versucht es in der Folge immer wieder zu beweisen, dass es Dinge besser kann: „Um geliebt zu werden, muss ich besser sein als Andere!“ Entwicklungen dieser Art führen nach und nach zur Etablierung unserer Gewohnheitsstrukturen. Wenn wir nicht den Mut aufbringen, uns diese Muster anzuschauen, werden wir immer wieder mit den gleichen Problemsituationen in uns und um uns herum konfrontiert werden. Mit Wut umgehen lernen Unsere alltäglichen Gewohnheitsstrukturen sind uns in der Regel nicht bewusst. Womit wir aber tatsächlich jeden Tag konfrontiert werden, sind Gefühle wie Wut, Angst und Trauer. Um ein tiefes Verständnis für diese Gefühle zu bekommen, müssen wir in sie hinein spüren. Wir müssen unsere inneren Bewegungen verstehen lernen. Es ist außerordentlich wichtig, sich mit der Wut auseinanderzusetzen. Wut hat die Eigenschaft, alle feineren, subtileren Gefühle zu überdecken. Wut ist eigentlich ein Mechanismus, mit dem wir die innere Unzufriedenheit über die Realität verdecken wollen. Es bedeutet, mit uns oder mit unserer Weltanschauung, unseren Vorstellungen und Wünschen stimmt etwas nicht – das wollen wir nicht sehen. Normalerweise, wenn wir wütend sind, schieben wir das auf äußere Bedingungen: „Ja, mein Chef ist schuld, meine Frau ist schuld usw.“ Wir glauben, sie haben uns dazu veranlasst, wütend zu sein. Genau da setzen wir in der Zenarbeit an und schauen, wieso wir selbst uns wütend machen – welche Aspekte eines anderen Menschen oder einer Situation provozieren uns so, dass wir in Wutanfälle geraten? Auf diesem Weg nach innen suchen wir nach dem inneren Schrei – es ist unser Ur-Schrei, der seit unserer Geburt in uns verborgen liegt. Der innere Ur-Schrei signalisiert: „Hilf mir!“ Da es aber ein sehr primitiver Schrei ist, nicht artikulierbar in normaler Sprache, können wir nicht ausdrücken, was wir eigentlich wirklich brauchen oder wollen. Wir haben Angst, die Wut und den Urschrei herauszuschreien. Menschen könnten uns ablehnen, verurteilen und sich lustig über uns machen. Im Alltag geben wir manchmal auch unserer Wut Ausdruck, weil wir von unserer inneren Zerrissenheit und Unzufriedenheit weglaufen möchten. Das ist keine wirkliche Begegnung mit dem Wutgefühl. Manchmal geht man auch in die passive Wutreaktion und unterdrückt alles. In den Zenseminaren ist das anders. Dort haben wir einen geschützten Rahmen. Wir können daher solche tiefen, intensiven Gefühle herauszulassen, um zu sehen, was unter all der Wut und Aggression liegt, die sich seit Jahren angestaut haben. Wenn wir diesen Urschrei befreien, erkennen wir, dass eigentlich keine Gefahr da ist. Die Fantasien und Wahnideen haben keine Grundlage mehr. Dadurch können wir die Realität erneut überprüfen. So gelangen wir auf die nächste, befreitere Stufe der Gefühle, da die Panik- und Gefahrsituation beseitigt ist. Wir können nun beginnen, mit den subtileren Gefühlen in uns Kontakt aufzunehmen. Die Dynamik der Wiedergeburt Im Buddhismus gehen wir davon aus, dass wir wiedergeboren werden. Mit der Wiedergeburt bringen wir auf der Grundlage des bedingten Entstehens (noch Anmerkung einfügen) bereits bestimmte Gewohnheitsstrukturen in das neue Leben mit. Wir suchen uns dafür eine angenehme Umgebung, das heißt ein Umfeld, welches uns „emotional“ vertraut ist. Wir wählen die Eltern aus, die zu unseren Gewohnheitsstrukturen passen. Dieser Auswahlprozess erfolgt nicht über den klaren Verstand, sondern nur über das intuitive Gefühl. Während des Wiedergeburtsprozesses sind viele Ängste vorhanden, so dass wir uns aus diesen heraus an einen (emotional) bereits vertrauten Ort flüchten. Dies erscheint uns angenehmer als in den Ängsten zu bleiben. In dem neuen Leben bringt das Baby bereits einen vorgeformten Charakter mit auf die Welt. Dadurch „zwingt“ das Kind die Eltern, es dementsprechend zu behandeln, wie es das will (und offenbar braucht). Wir alle kennen Babies, die leicht zugänglich und freundlich sind, andere die immer nur schreien oder/und die Milch verweigern. Manche Kinder kommen bereits schwer krank zur Welt, werden viel zu früh geboren oder haben eine komplikationsreiche Geburt. Befreiung von Projektionen Wenn wir erwachsen sind, projizieren wir unsere Probleme immer wieder auf unsere Eltern. Dabei vergessen wir, dass wir selbst aufgrund unserer karmischen Konstellationen für die Wahl unserer Eltern verantwortlich sind. Wir versuchen dennoch, die Schuld für unser jeweiliges Leid bei unseren Eltern oder anderen, meist nahestehenden Personen zu suchen: „Du hast mich auf die Welt gebracht, also bist Du schuld an meinem Leid!“ Die Anhaftung an diese Art zu denken sollte man loslassen lernen. Denn sonst geht es in der inneren Arbeit nur um Schuldzuweisungen – was nicht Sinn und Zweck sein kann. Daher ist es sehr wichtig, die Eltern von der Schuldzuweisung zu entlasten. Wenn wir die Schuld von unseren Eltern lossprechen können, können wir unsere eigenen Probleme und Anteile wesentlich klarer erkennen. Durch Familienaufstellungen zeigen wir, warum man immer wieder bestimmten Konstellationen begegnet. Jeder schafft sich seine Probleme aus seiner eigenen Welt und seinen individuellen Grundängsten heraus. Schuldzuweisungen nach außen, sind daher nicht förderlich. Es geht vielmehr darum, ein Verständnis für die jeweilige Familienstruktur zu entwickeln. Welche psychodynamischen Prozesse finden allein aufgrund der Interaktionsmuster der Familienmitglieder statt? Es geht darum, wirklich klar zu sehen, wo Probleme herkommen und nicht darum, die Schuld immer wieder auf andere zu schieben. Haben wir dies in der Tiefe verinnerlicht, werden unsere zwischenmenschlichen Beziehungen spürbar entlastet. Wir durchschauen unsere „Spiele“ und die Spiele der Anderen und können sie nach und nach getrost los lassen. Je entspannter sich die Beziehungsstrukturen in unserer unmittelbaren Umgebung gestalten, umso mehr Kraft und Energie haben wir letztendlich für unsere eigene, innere Weiterentwicklung und Befreiung zur Verfügung. Unser Denken, Fühlen und Handeln wird durch unsere bewussten und unbewussten Ängste motiviert. Mithilfe unserer alltäglichen Denk- und Handlungsmuster versuchen wir ständig unser maßgeblich durch die Erwartungen anderer definiertes Selbstbild zu verwirklichen, uns daran anzunähern. Wie ein Esel, der einer einen Meter vor seinem Maul hingehaltenen Karotte hinterher trabt in der Hoffnung sie eines Tages doch noch zu erhaschen, jagen wir den Vorstellungen über uns selbst hinterher. Irgendwann stellen wir fest, dass wir unsere Erwartungen (bzw. die unserer Bezugspersonen) nie hundertprozentig werden erfüllen können. Es entstehen Mechanismen in uns, um unsere Schwächen und Fehler zu verdecken. Mit diesen Kompensationsversuchen täuschen wir unsere Umgebung sowie uns selbst und kreieren aufgrund der daraus resultierenden, verzerrten Wahrnehmung unsere eigene, subjektive Welt. Da jeder Mensch in seiner eigenen subjektiven „Wirklichkeit“ gefangen ist, gestalten sich Kommunikation und zwischenmenschliche Beziehungen oftmals sehr schwierig, da man den anderen gar nicht verstehen kann – man bedient sich unterschiedlicher Sprachen. Die Gewohnheitsstrukturen werden aus unseren Ängsten genährt – z.B. Angst vor dem Alleinsein, vor dem Tod und vor der eigenen Wertlosigkeit. Wir tun alles dafür, um diese Ängste nicht spüren zu müssen und entwickeln raffinierte Kompensationsmechanismen, um uns davor zu schützen. Diese Muster spiegeln sich in unseren Gewohnheitsstrukturen wider. Karmische Lokomotiven – auf den Gleisen unserer Gewohnheitsstrukturen durch das Leben fahren … Wir tragen unbewusste Erwartungen und Hoffnungen in uns, die unser Denken und Handeln in bestimmte Richtungen lenken: Die Eltern oder eine andere Bezugsperson sollen stolz auf uns sein. Wir bemühen uns wirklich so sehr darum, Anerkennung von den jeweiligen Personen zu bekommen. Oder, weil wir der Auffassung sind, wir könnten alleine nicht überleben, klammern wir uns an unsere Mitmenschen und tun alles, um ihre Liebe und Aufmerksamkeit zu bekommen. Diese Phänomene, die sich wie ein roter Faden durch unser ganzes Leben ziehen und unsere Beziehungen entsprechend gestalten, nennen wir karmische Lokomotive: Wir sind lediglich ein Waggon, der an die karmische Lokomotive angehängt ist. Wir werden von der Energie unserer Gewohnheitsstrukturen mitgezogen. Und diese Energie ist es, welche wir von einer Wiedergeburt zur nächsten „mitschleppen“: Von Leben zu Leben suchen wir uns ähnliche Bedingungen, um erneut den passenden Lokomotivführer und Gleise zu finden. Auf diese Weise sorgen wir dafür, dass wir auch weiterhin unsere Gewohnheitsstruktur ausleben können (Resonanzprinzip). Damit wir unsere Konzepte und Gewohnheitsstrukturen und somit unser Selbstbild wirklich in der Tiefe verstehen können, müssen wir erkennen, welche Ängste uns in unserem Denken und Handeln steuern und können diese dann beispielsweise im geschützten Rahmen von Zenseminaren konfrontieren. Nur so werden wir uns aus unseren einengenden Mustern befreien und im Sinne des Zen ein befreites und bewusstes Leben führen – nicht nur für uns selbst, sondern gerade auch in den Beziehungen mit unserem Mitmenschen. Wir unterscheiden folgende drei Grundängste: Ablehnungsangst, Minderwertigkeitsangst sowie Verlustangst. Wichtig ist zu verstehen, dass jeder der Angsttypen in bestimmten Abschnitten unseres Lebens einen Überlebensmechanismus darstellte, ohne welchen wir unter Umständen (psychisch) nicht hätten überleben können. Je mehr wir imstande sind, unsere Angstmechanismen zu durchschauen, umso mehr sind wir in der Lage, Aspekte unserer Ängste als heilsame Werkzeuge einzusetzen, z.B. können wir dann „die Energie“ der Ablehnungsangst nutzen, um uns von den Übergriffen anderer abzugrenzen. 1. Ablehnungsangst Die Grundlagen für die Entstehung der Ablehnungsangst werden im frühen Alter von 0-3 Jahren gelegt. Auf irgendeine Art und Weise hat sich das Kind von seinen Eltern oder anderen jeweiligen Bezugspersonen direkt oder indirekt abgelehnt gefühlt. Obwohl es die Nähe und Liebe seiner Eltern suchte, wurde sie ihm verwehrt. Es verinnerlicht die Überzeugung „meine Eltern wollen mich gar nicht!“ Vielleicht wurde es von Bezugsperson zu Bezugsperson gereicht, oft alleine gelassen oder häufiger nicht in den Arm genommen, wenn es das Bedürfnis nach körperlicher Nähe und Zuwendung hatte. Das Gefühl des Abgelehntwerdens brennt sich tief in die Persönlichkeitsstruktur des Kindes ein. Es zieht sich in seine eigene Welt zurück, um sich vor weiteren Verletzungen zu schützen. Aufgrund der Enttäuschung zeigt dieser Mensch in der Folge so wenig Gefühle wie möglich, um nicht wieder schmerzhafte Erfahrungen machen zu müssen. Bis zum Erwachsenenalter haben Menschen, die eine ausgeprägte Ablehnungsangst in sich tragen, perfekte Schutzmechanismen entwickelt, um weitere Ablehnungserfahrungen zu vermeiden. So tendieren sie dazu, sich von anderen Menschen zu distanzieren und näheren Kontakt zu vermeiden. In Beziehungen brauchen „Ablehner“ viel persönlichen Freiraum, da sie sich sonst leicht unter Druck gesetzt fühlen. Auch Gefühlen gegenüber verhalten sie sich sehr distanziert. Es fällt ihnen auch schwer, einen wirklichen, authentischen Kontakt zu ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen herzustellen. Dahinter steckt die Angst, wiederum abgelehnt zu werden, wenn man sich so zeigt „wie man ist“ bzw. wie man wirklich fühlt. Je distanzierter man sich gibt, umso weniger Angriffsfläche bietet man den Mitmenschen. Das Leben wird dann zwar recht einsam, aber vermeintlich sicherer und unabhängiger. Die beiden extremen Ausprägungen der Ablehnungsangst: Um weiterer Ablehnung vorzubeugen, entwickeln Menschen mit Ablehnungsangst häufig eine der beiden Gewohnheitsstrukturen oder pendeln zwischen diesen beiden Extremen hin und her: a. Grundlage ist die Überzeugung „ich bin unschuldig“. Wenn sie sich selbst als unschuldig und harmlos darstellen, verringern sie das Risiko persönlich angegriffen oder nicht akzeptiert zu werden. Auf der Ebene der Gewohnheitsstrukturen wird dieser Mensch zu Rückzug, Resignation und depressiven Symptomen neigen. b. Grundlage ist die Überzeugung „der Andere ist schuld“. Um von sich selber abzulenken, gehen sie nach außen und attackieren ihre Umwelt mit Schuldzuweisungen und Kritik analog dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“. Menschen, die aus dieser Gewohnheitsstruktur heraus leben, tendieren eher zu cholerischem Temperament und aggressiven Verhaltensweisen. 2. Minderwertigkeitsangst Menschen mit Minderwertigkeitsangst tragen in sich das Gefühl, niemals gut genug zu sein. Um diesem Gefühl nicht begegnen zu müssen, kompensieren sie ihre scheinbare Schwäche mit anderen Fähigkeiten oder Eigenschaften. Sie neigen dazu, sich viel Wissen anzueignen und dieses anderen auch zu demonstrieren. Die Minderwertigkeitsangst entsteht typischerweise im Alter von drei bis fünf Jahren. Ein klassisches Beispiel, welches sich in der Kindheit eines Menschen mit Minderwertigkeitsangst mehrfach zugetragen haben mag: Das Kind wollte Aufmerksamkeit, doch die Eltern hatten nicht viel Zeit und gaben dem Kind einfach eine schnelle Aufgabe – „ach, male doch ein Bild“. Das Kind freut sich über die kurze Aufmerksamkeit, will aber eigentlich richtige Zuneigung und Nähe. Es strengt sich daher unglaublich an, das Bild so schön wie nur möglich zu malen. Das Kind bringt das fertige Bild seiner Mutter. Doch die hat bereits vergessen, dass das Kind von ihr diese Aufgabe bekommen hatte. Sie schaut kurz über das Bild und sagt nur noch: „Also die Sonne könntest du eigentlich schöner malen. Und ein wenig mehr bunt würde doch auch gut aussehen.“ Anstatt Aufmerksamkeit hat das Kind nur aufgezeigt bekommen, was es noch besser machen könnte. Menschen, die Minderwertigkeitsangst in sich tragen, haben ihr Leben lang das Gefühl in sich erfahren, Dinge schlecht, nicht gut genug oder nur unzureichend erledigt zu haben. Oder sie wurden niemals darin ermutigt, etwas alleine zu tun, ihre eigenen Fähigkeiten und Stärken einzusetzen. Die beiden extremen Ausprägungen der Minderwertigkeitsangst: a. Grundlage ist die Überzeugung „Ich bin der Beste“ („I am a hero“). Indem sie sich als stark und unnahbar darstellen, hoffen sie darauf, dass die anderen es nicht wagen, ihre Fähigkeiten in Frage zu stellen. Nach außen zeigen sie demnach ein überhöhtes Selbstwertgefühl. b. Grundlage ist die Überzeugung „Ich bin ein Versager – ich kann nix“ („I am a zero“). Auf diese Weise stellen sie sich von vornherein als minderwertig und unfähig dar und schützen sich auf diese Weise vor Kritik. Zum einen, weil sie unter Umständen bestimmte Aufgaben gar nicht erst übertragen bekommen, weil man es ihnen nicht zutraut. Oder aber die Mitmenschen haben durch die geschickte Demonstration von Minderwertigkeit mit „Schlimmerem“ gerechnet und sind daher im nachhinein angenehm überrascht, dass die Leistung des „Minderwertigen“ ja doch gar nicht so ungenügend ist wie zunächst aufgrund dessen Selbstdarstellung befürchtet. Dahinter steht die Hoffnung, dass man ihnen sagt „oh, das hast Du doch gut gemacht!“ 3. Verlustangst Der dritte Typ der Grundängste hat seine Wurzeln im Alter von fünf bis sieben Jahren. Das Kind hat auf die eine oder andere Weise tiefgreifende Verlustmomente in seinem Leben erfahren. Ein typisches Bild ist das eines Kindes, das seiner Mutter hinterherläuft, die sich aber nicht umdreht, um es in die Arme zu nehmen. Das Kind streckt die Ärmchen aus, um seine Mutter doch noch zu erwischen, schafft es aber nicht. Fühlt sich ein Kind bereits in frühem Alter verlassen, entwickelt es eine besondere Gabe, zukünftig Menschen an sich zu binden und sich selbst so vor einer schmerzhaften Wiederholung schützen soll. Es lernt die Menschen in seiner Umgebung so zu manipulieren, dass es die gewünschte Aufmerksamkeit bekommt. Ein Kind mit Verlustangst kann sehr gut mit Gefühlen umgehen. Es hat Klarheit darüber, was die Menschen in seinem Umfeld brauchen oder sich wünschen und erfüllt ihnen jeden Wunsch, nur um dadurch in Kontakt zu bleiben. Solche Situationen sieht man besonders häufig in Waisenhäusern: Aus Erfahrung in der Arbeit mit Waisenkindern wissen wir, dass neue Elternpaare sich immer nur die süßesten, netten und aufgeschlossensten Kinder aussuchen. Kinder mit Verlustangst merken in solchen Situationen sofort, wie sie auf die Menschen reagieren müssen, um ausgewählt zu werden. Sie spielen genau das vor, was erwünscht ist, um zu bekommen was sie wollen: Nähe, Verbindung und Sicherheit. Die Gefahr ist, dass daraus im Verlauf des weiteren Lebens ein gewohnheitsmäßiges Helfersyndrom entsteht. Um den Kontakt zu geliebten Mitmenschen nicht zu verlieren, sind sie mit ihrer Aufmerksamkeit stets bei den Anderen und nicht bei sich selbst. Sie verlieren nach und nach den Kontakt zu ihren eigenen Bedürfnissen und sind im erwachsenen Alter oft kaum in der Lage, sich selbst etwas Gutes zu tun. Auch wird ihre Angst vor Verlust so groß, dass sie in Beziehungen oft diejenigen sind, die klammern, stark kontrollieren und dem Partner keinen eigenen Raum oder Zeit für sich gönnen können. Die beiden extremen Ausprägungen der Verlustangst: a. Die Grundannahme lautet „Ich habe die Macht/Kontrolle“. Dadurch, dass der Verlustängstler sehr früh und gut gelernt hat mit Gefühlen umzugehen, meint er zu „wissen, was der Andere fühlt“. Dadurch erlebt er sich als mächtig und in einer Kontrollposition. b. Basiert auf der Grundlage „Ich bin hilflos“. Indem man sich als Opfer darstellt und Leid präsentiert, erhofft man sich die Aufmerksamkeit und Fürsorge der Umgebung. Hier wird also im Prinzip auch Kontrolle ausgeübt, aber auf eine andere, subtilere Weise wie bei der oben genannten Grundannahme. Lebt ein Mensch mit Verlustangst mit einem Ablehnungsängstler in einer Beziehung zusammen und beginnt ihn auf der Gefühlsebene stärker an sich zu binden, wird der Ablehnungsängstler wachsam: Je mehr er sich gefühlsmäßig einbringt, desto größer könnte der Schmerz nach einer eventuellen Trennung sein. Der Mensch mit Ablehnungsangst wehrt sich in der Folge gegen zu große Vereinnahmung. Das wiederum löst die Verlustangst des Partners aus, welcher mit verstärkte Kontrolle oder Vereinnahmungstendenzen reagiert. Findet das Paar keinen Weg aus den eigenen Gewohnheitsstrukturen heraus, kommt es häufig zur Trennung, da sich der Ablehnungsängstler zu sehr eingeengt fühlt und die Freiheit sucht.Die zweite Stufe der Betrachtung (Zen 4-6): Klarheit über unsere Gefühle und Emotionen
Gewohnheiten und Wahrnehmung
Die fünfte Stufe der Betrachtung (Zen 10-12): Klarheit über unsere Gewohnheitsstrukturen und Wahrnehmungsprozesse
